Eindrücke von der Kölner Burschenschaft Wartburg

von Julia

In meinem Grundstudium sind mir zum ersten Mal Burschenschafter begegnet. Auf jeder Veranstaltung auf dem Verbindungshaus einer Turnerschaft sind damals früher oder später Mitglieder einer Burschenschaft aufgetaucht. Diese Begegnungen waren nicht sehr erfreulich, denn die Besucher konnten nicht davon ablassen, mir und all den anderen Menschen um mich herum ihre nationalistischen und rechten Thesen an den Kopf zu werfen. Und schon war mein pauschales Abstempeln von Burschenschaften perfekt. Alle rechts!

Doch dann habe ich ein paar Jahre später Bastian in einem Seminar an der Kölner Uni kennen gelernt. Ich hatte den Eindruck, dass er nicht auf den Kopf gefallen war. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass er Mitglied in einer Burschenschaft ist. Ein halbes Jahr später haben wir uns zufällig in einer Vorlesung wieder getroffen. Da wir beide auf der Suche nach einem Lernpartner waren, haben wir eine Lerngruppe gegründet.

Doch wo treffen?

Er schlug das Haus seiner Burschenschaft vor. Klar war ich erstmal skeptisch. Sind die nicht alle rechts? Aber warum nicht einen zweiten Blick wagen? Bastian schien mir eigentlich ganz in Ordnung zu sein. Also habe ich mir das Haus mal angeschaut.

Überraschenderweise habe ich mich dort ziemlich schnell wohl gefühlt und aus dem Anschauen wurden viele Lerntage, die ich hier verbracht habe. Es gab Zeiten, in denen ich über mehrere Wochen täglich auf dem Haus gelernt habe. Woran lag das? Die Antwort könnte kurz und knapp ausfallen: an den Menschen, die dort wohnen.

Doch lasst mich das ein wenig näher ausführen. Ich habe ziemlich aufgeschlossene, intelligente, lustige und angenehme Gesprächspartner und –partnerinnen – ja, auch Frauen wohnen auf dem Haus - gefunden, die den tristen Lernalltag für mich abwechslungsreicher und interessanter gestalten konnten.

Wenn ich jedoch keine Lust auf Gespräche hatte, habe ich immer einen Platz gefunden, an dem ich meine Ruhe hatte, obwohl ich kein Zimmer auf dem Haus habe. Übernachten konnte ich im Zweifelsfall dennoch im Gästezimmer.

Manchmal habe ich auch leise Klavierspiel gehört, woraufhin ich in den Keller gegangen bin, um der klassischen Musik ein wenig zu lauschen. An anderen Tagen ist der Keller der Proberaum einer gerade entstehenden Band, was mich ebenfalls zum Zuhören anregte.

Zudem machten das tägliche Frühstück sowie das gemeinsame Kochen das Lernen angenehmer. Aber auch die kleinen Kaffeepausen zwischendurch, oder abends in geselliger Runde ein Bierchen gemeinsam zu trinken sind und waren nicht zu verachten. Anregende oder auch einfach nur witzige Gespräche sind eigentlich immer inklusive. 

Das Leben auf dem Haus ist bunter als man denkt. Hätte ich mir hier rechte Hasstiraden oder unreflektierte Kommentare anhören müssen, hätte ich wohl auf dem Absatz kehrt gemacht.

Doch so war es nicht. Ich habe eine Gemeinschaft angetroffen, in der gegenseitige Unterstützung, Interesse füreinander und ein respektvoller Umgang wichtig sind.

Eines kann ich daher heute mit ruhigem Gewissen über die Mitglieder der Kölner Burschenschaft Wartburg sagen: Sie sind nicht rechts oder radikal!

Auf diesem Haus wohnt eine lustige Truppe, die mich sehr nett aufgenommen hat und mich wohl auch während dem Schreiben meiner Diplomarbeit noch öfter zu sehen bekommen wird.

Der zweite Blick hat sich daher gelohnt.